Essay über Liebe und Astrologie

Unter welchem Stern lieben Sie?

Warum wir lieber in die Sterne schauen als in die Augen des anderen – und was uns dabei entgeht

Orientieren Sie sich bei der Partnerwahl bisweilen an Sternzeichen? Waren Sie schon einmal kurz verunsichert, weil „Jungfrau und Widder als Paar ja schwierig sein sollen“, oder haben Sie vielleicht innerlich aufgeatmet, weil astrologisch alles feinstens zu passen schien? Astrologie ist, wie auch andere Formen des Aberglaubens, tief in das Gewebe unseres Alltags eingewoben und durchzieht auch unser Liebesleben. Sie wirkt, oft subtil, in die Art hinein, wie wir über Anziehung, Konflikte und Nähe sprechen und welche Vorstellungen wir davon entwickeln, wer zu wem passt und wie jemand verführt werden will. Manche Menschen gehen mit einem Augenzwinkern damit um, andere mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit.

Astrologie boomt, nicht trotz, sondern wegen unserer Gegenwart. Sie hat immer dann Konjunktur, wenn die Welt als besonders unübersichtlich erlebt wird. Wenn äußere Strukturen brüchig werden, wächst das Bedürfnis nach innerer Ordnung. Auch im Neuen Museum in Berlin wird dem Phänomen derzeit eine Ausstellung gewidmet, die eine Frage aufwirft, die sich bis heute jeder eindeutigen Antwort entzieht: Ist Astrologie ein Orakel, ein Spiegel der Psyche, ein kulturelles Raster oder vor allem eine Projektionsfläche für menschliche Sehnsucht? Vermutlich von allem etwas. 

Was Astrologie von anderen Formen des magischen Denkens unterscheidet, ist ihre klare Struktur. Sie tritt nicht als loses Bündel von Vorstellungen auf, sondern als System, das sich berechnen, darstellen und scheinbar präzise anwenden lässt, über Geburtsdaten, Häuser und Konstellationen. Das erzeugt eine innere Schlüssigkeit, die eine besondere Wirkmacht entfaltet. Astrologie erscheint so weniger als Aberglaube, sondern vielmehr als eine Form von Wissen. 

Der Philosoph Theodor W. Adorno hat sie daher einmal als eine Form von Pseudorationalität beschrieben, als den Versuch, Ordnung zu erzeugen in einer Wirklichkeit, die sich unserem Verständnis zunehmend entzieht. Horoskope bieten Antworten, an denen sich das eigene Erleben festhalten kann, ohne dass wir uns jedoch den zugrunde liegenden Fragen danach, wie wir miteinander leben und uns in dieser Welt orientieren können, wirklich beherzt zuwenden.

Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht auch die Tatsache, dass sich, wie so alles, auch der Kosmos verändert. Der Sternenhimmel, auf den sich die moderne Astrologie beruft, hat sich längst verschoben. Die Erdachse bewegt sich, langsam, aber kontinuierlich, und die astrologischen Zuordnungen aus der Zeit der Babylonier stimmen astronomisch nicht mehr mit dem tatsächlichen Sternenhimmel überein. 

Nähme man diese Verschiebungen ernst und hielte sich rechnerisch strikt an das zugrunde liegende Modell, müssten viele von uns ihr Sternzeichen neu bestimmen. Wer Anfang April geboren ist und sich als Widder versteht, hat die Sonne astronomisch betrachtet vermutlich im Sternbild der Fische stehen. Mit einem solchen Wechsel verschiebt sich nicht nur ein Name, sondern eine ganze Charakterbeschreibung: Der vermeintlich impulsive Widder wäre plötzlich ein sensibler Fisch. Und dennoch halten wir an den vertrauten Zuordnungen fest – kaum aus astronomischer Unwissenheit. Dieses Festhalten an alten, überkommenen Deutungssystemen sagt letztlich mehr über uns Menschen aus, als wir je über unsere Persönlichkeit und unser Liebesleben aus den Sternen erfahren könnten.

Im Musical Hair wurde 1968 mit dem Song This is the dawning of the Age of Aquarius dem Wassermann als Symbol eines Aufbruchs, einer freieren und offeneren Welt gehuldigt. Der Songtext nimmt es mit der Astrologie nicht so genau. Und gerade darin liegt seine Stärke: Es geht weniger um Planetenkonstellationen, sondern um den Ausdruck einer tiefliegenden menschlichen Sehnsucht. Die Idee eines neuen Zeitalters, geprägt von Freiheit, Verbundenheit und Transformation, entfaltet nach wie vor eine große Anziehungskraft, obwohl sich dieses „Wassermannzeitalter“ weder eindeutig datieren noch wirklich nachweisen lässt. Entscheidend ist hier weniger die astronomische Genauigkeit als die emotionale Plausibilität.

Genau das zeigen auch psychologische Studien. Menschen orientieren sich nicht primär an rationaler Überprüfbarkeit, sondern an emotionaler Stimmigkeit. Der Psychologe Bertram Forer zeigte 1949, dass Menschen allgemeine Persönlichkeitsbeschreibungen als erstaunlich zutreffend erleben, sobald sie glauben, diese seien eigens für sie verfasst worden. Was sich stimmig anfühlt, wird wahr. Was nicht passt, fällt aus dem Blick. So kann ein Sternzeichen zum Spiegel werden, in dem wir uns wiederzuerkennen glauben, weniger weil es uns zutreffend beschreibt, als weil wir gelernt haben, uns darin zu lesen. 

Doch dabei bleibt es nicht. Wenn wir hören, dass wir als Schütze reisefreudig und freiheitsliebend sind, als Zwilling bunt und quirlig, als Fisch sensibel und schillernd, können diese Zuschreibungen auch unser Erleben und Handeln zu prägen beginnen. Wir orientieren uns an ihnen, greifen sie auf, gestalten uns mit ihnen. Aus einer Deutung wird eine Selbstbeschreibung und mitunter eine unterschwellige Selbstformung. So können Horoskope zu einer Sprache werden, in der wir uns selbst verstehen. Ich erkläre meine Bedürfnisse, meine Grenzen, meine Art zu lieben über mein Sternzeichen. Das kann entlastend sein. Gleichzeitig entsteht eine Form der Selbstfixierung: Mein Sternzeichen rückt ins Zentrum meiner Erzählung über mich selbst, während andere Anteile in den Hintergrund treten.

Ein Blick in unseren Alltag zeigt, wie selbstverständlich diese Deutungsmuster geworden sind: Astrologen mit Millionenreichweite auf Instagram, Sternzeichen-Kompatibilitäten in Dating-Apps, und im Freundeskreis fällt nicht selten irgendwann ein Satz wie: „Kein Wunder, er ist eben ein eifersüchtiger Skorpion.“ Die Sterne bieten Orientierung in einer Zeit, in der auch Beziehungen fragiler und komplexer geworden sind – und der Markt hat längst erkannt, wie gut sich dieses Bedürfnis bedienen lässt. 

Aus sexologischer Perspektive interessiert mich allerdings weniger, was Astrologie verspricht, als was sie untergründig verhindert. Denn so verständlich das Bedürfnis nach Orientierung und Sinn auch ist, so folgenreich sind die astrologischen Etiketten, die wir daraus ableiten. Astrologie bleibt, bei aller kulturellen Einbettung, ein System von Zuschreibungen, die wissenschaftlich nicht haltbar sind. Solche Typisierungen wirken in Beziehungen folgenreich, weil sie den Eindruck von Klarheit erzeugen, während sie die tatsächliche Komplexität ausblenden. In der Paararbeit zeigt sich das sehr deutlich. Menschen bringen nicht nur ihre Erfahrungen mit, sondern auch ihre Deutungsmuster. Sie erklären sich selbst und den anderen über Eigenschaften, die letztlich Verlässlichkeit in die Bindung bringen sollen.

Dass wir nach Erklärungen suchen, ist verständlich. Problematisch wird es dort, wo eine starre Charakterisierung an die Stelle der wirklichen Begegnung tritt. Denn lebendige Beziehungen leben weniger davon, dass wir einander durchdringen, sondern davon, dass wir einander immer wieder neu erleben – denn wer würde ernsthaft behaupten, den eigenen Partner vollständig zu kennen? Sie entstehen in Momenten, in denen der andere uns überrascht, irritiert oder sich anders zeigt, als wir es erwartet hätten. Genau dort beginnt das, was wir in der Sexologie als Differenzierung bezeichnen. 

Der Paartherapeut David Schnarch beschreibt damit die Fähigkeit, dem anderen als eigenständigem Gegenüber zu begegnen, ohne ihn vorschnell einzuordnen oder sich selbst in ihm symbiotisch aufzulösen. Differenz bedeutet, auszuhalten, dass der andere nicht vollständig erklärbar ist und facettenreich bleibt. Ebenso wie ich selbst.

Astrologische Deutungsmuster stehen dieser Bewegung im Weg, weil sie eine andere Richtung anbieten. Sie führen weg von offener Wahrnehmung und hin zu vermeintlicher Gewissheit. Verhalten erscheint nicht mehr als etwas, das aus einer Situation heraus entsteht, sondern als Ausdruck eines festen Wesenskerns. In der Psychologie spricht man hier vom fundamentalen Attributionsfehler, der Tendenz, Verhalten vorschnell Eigenschaften zuzuschreiben, statt auch den Kontext mitzudenken. Der andere wird in eine Schublade gesteckt, bevor er in seiner Vielstimmigkeit überhaupt erspürt wird. Wenn ich davon ausgehe, zu wissen, wie mein Partner als Stier „tickt“, verschleiert sich zugleich mein Blick auf ihn. Ich sehe nicht mehr, was sich im Moment zeigt, sondern das, was ich zu erkennen glaube. „Er ist eben so.“ „Sie ist halt so.“ Was wie Verständnis klingt, ist oft nur eine Verengung der Wahrnehmung, in Form eines Vorurteils. Was dabei verloren geht, zeigt sich besonders im Bereich der Erotik.

Erotik entzieht sich genau jener Logik, die Astrologie verspricht. Sie lebt von Ambivalenz, von Spannung, von dem, was sich nicht einordnen lässt und sich nicht vollständig erschließt. Nähe und Distanz, Vertrautheit und Fremdheit, Hingabe und Eigenständigkeit existieren gleichzeitig, im selben Atemzug, im selben Bett. Das auszuhalten, ohne es vorschnell aufzulösen, ist anspruchsvoll. Es gehört wohl zu den besonderen Herausforderungen, denen wir uns in Liebesbeziehungen stellen müssen.

Genau deshalb greifen viele Menschen lieber zu Vereinfachungen. „Er ist Löwe, er braucht eben viel Bewunderung.“ „Sie ist Waage, sie scheut Konflikte.“ Solche Sätze täuschen Verständnis nur vor. In Wahrheit beenden sie die lebendige Begegnung und reduzieren den anderen auf wenige Merkmale. Was dabei verloren geht, ist nicht nur seine Vielschichtigkeit, sondern jene offene Zugewandtheit, aus der ein Liebesbegehren überhaupt erst entstehen kann.

Jede Deutung wirkt wie ein Filter. Ich sehe nicht mehr, was ist, sondern das, was ich erwarte. Der andere wird weniger zu einem Gegenüber, das ich entdecken kann, als zu einem Objekt, das ich interpretiere. Das Widersprüchliche, das Wandelbare, das Unbekannte schrumpft auf wenige Attribute zusammen. Und wer beginnt, diese für feste Wahrheiten zu halten, hört auf, dem anderen und sich selbst mit echtem Staunen zu begegnen.

Ich erinnere mich an eine Frau, die mir von ihrem Mann erzählte, den sie seit Jahrzehnten zu kennen glaubte. Anpassungsfähig, ruhig, wenig fordernd, für sie lange eindeutig in seinem Wesen, typisch Jungfrau, wie sie sagte. Vielleicht hatte er selbst begonnen, sich in dieser Beschreibung einzurichten. Dann begann er, Tango zu tanzen. Und plötzlich war da ein anderer Mann. Einer, der anders führte, anders berührte, anders begehrte. Sie war irritiert. Und genau diese Irritation war entscheidend. Sie öffnete einen Raum zwischen ihnen, in dem etwas sichtbar wurde, das zuvor verborgen war.

Astrologie verspricht Antworten. Erotik entsteht dort, wo Möglichkeiten offen bleiben dürfen. Dafür braucht es Aufgeschlossenheit, Aufmerksamkeit und eine Sprache, die nicht festschreibt, sondern öffnet. Der Dichter Octavio Paz hat einmal gesagt: „Sex ist Prosa, Erotik ist Poesie.“ Ich möchte diesen schönen Gedanken hier aufgreifen und als Impuls fruchtbar machen. Wie wäre es, wenn wir einen anderen, spielerischen Umgang mit der astrologischen Symbolik finden, die in unserer Kultur so präsent ist? Wenn sie sagt: „Heute bin ich weich, empfindsam, vielleicht ein wenig krebsig“, dann beschreibt das keinen unbeweglichen Charakter, sondern einen gefühlten Zustand, ganz unabhängig von jeder tatsächlichen Planetenkonstellation. Wenn er sagt: “Da ist gerade etwas Löwenhaftes an dir, das ich sehr anziehend empfinde”, dann ist das kein Befund, sondern eine Wahrnehmung, in ein Bild gefasst. Solche Sätze weiten den Blick. Hier werden astrologische Zeichen nicht zur Festlegung, sondern zur Einladung, nicht zur Antwort, sondern zum Spiel mit Symbolen. Nicht: Wie lässt sich der andere einordnen, und wie passt er zu mir? Sondern: Was zeigt sich gerade zwischen uns? Was berührt mich? Was irritiert mich? Was zieht mich an? Die eigentliche Frage ist dann nicht mehr, unter welchem Stern wir geboren wurden, sondern ob wir bereit sind, einander immer wieder neu zu begegnen. Ein offener, zugewandter Blick entsteht dort, wo wir bereit sind, unsere eigenen Gewissheiten loszulassen. Die Sterne dürfen dabei gern leuchten, aber ohne Anspruch auf das letzte Wort.