Was ist eine sexologische Praxis?

Ein Ort für Sexualität, Erotik und Beziehung

Wohin können wir mit unseren Fragen zur Sexualität gehen?

Bei Schmerzen, körperlichen Veränderungen oder medizinischen Fragen suchen wir eine Ärztin oder einen Arzt auf. Wenn psychisches Leiden oder eine psychische Erkrankung im Vordergrund steht, gibt es psychotherapeutische Unterstützung. Doch viele Fragen, die Menschen zu ihrer Sexualität und ihren Beziehungen beschäftigen, liegen zunächst weder im einen noch im anderen Bereich.

Der Körper funktioniert doch, aber die Lust ist verschwunden. Eine Beziehung ist liebevoll und vertraut, doch die erotische Spannung hat sich verändert. Fantasien tauchen auf, die neugierig machen oder irritieren. Zwei Menschen lieben sich und stellen fest, dass ihre sexuellen Wünsche zunehmend auseinandergehen. Nach einer Trennung, nach vielen Jahren in einer Beziehung oder in einer neuen Lebensphase entsteht der Wunsch, sich noch einmal anders mit der eigenen Sexualität zu beschäftigen. Und manchmal gibt es gar kein akutes Problem, sondern schlicht die Frage: Wer bin ich eigentlich als sexuelles und erotisches Wesen?

Für solche Fragen gibt es erstaunlich wenige selbstverständliche Orte. Die sexologische Praxis ist ein solcher Ort.

Es geht selten nur um Sex

Meine Arbeit basiert auf der Sexualwissenschaft, der Sexologie. Sie beschäftigt sich mit menschlicher Sexualität in ihren körperlichen, psychischen, sozialen und kulturellen Dimensionen. Dieser weite Blick ist entscheidend, denn Sexualität lässt sich weder auf körperliche Funktionen noch auf psychische Vorgänge reduzieren.

Wenn Menschen über ihre Sexualität sprechen, geht es häufig zugleich um sehr grundlegende Themen ihres Lebens: darum, wie sie sich selbst erleben und gesehen werden möchten, um Attraktivität und Selbstwert, Nähe und Freiheit, Bindung und Eigenständigkeit, um Scham, Fantasien, Geschlechterbilder und die Frage, was sie sich wünschen und erlauben dürfen. Sexualität ist eingebettet in unsere Biografie und verändert sich mit uns. Körper verändern sich, Beziehungen verändern sich, Lebensphasen verändern sich. Was vor zehn Jahren lustvoll und selbstverständlich war, muss es heute nicht mehr sein. Manche Menschen wünschen sich mehr Sexualität, andere weniger. Manche suchen wieder mehr Nähe, andere vermissen gerade das Fremde, das Spielerische oder die Spannung.

Deshalb ist die spannendere Frage manchmal gar nicht: Wie bekomme ich wieder mehr Lust? Sondern: Auf welche Art von Sexualität habe ich überhaupt Lust?

Wir haben viele Bilder über Sex in uns aufgenommen. Und wissen dennoch oft so wenig über sexuelle Realitäten

Sexualität begleitet uns über einen großen Teil unseres Lebens, und dennoch lernen wir vergleichsweise wenig darüber, wie wir unser eigenes sexuelles Erleben verstehen und sprachlich fassen können. Schulische Aufklärung vermittelt wichtiges Wissen über Körper, Verhütung und Risiken. Das Lustvolle, Erotische und Subjektive bleibt dabei häufig im Hintergrund. Zugleich verwenden wir „Sexualität“ als Oberbegriff für sehr unterschiedliche Erfahrungen. Doch was ist eigentlich Sinnlichkeit, was Erotik, und worin unterscheiden sich diese Ebenen voneinander?

Wie sage ich, was mir gefällt? Weiß ich überhaupt, was mir wirklich gefällt? Was bedeutet es, wenn mein Körper reagiert, obwohl ich keine Lust empfinde? Ist eine Fantasie etwas, das ich verwirklichen möchte? Warum genieße ich sinnliche Berührungen, möchte aber keinen Sex? Warum brauche ich für Erotik manchmal etwas anderes als Nähe und Vertrautheit?

Gleichzeitig begegnen uns zahlreiche Vorstellungen davon, wie Sexualität angeblich sein sollte: spontan natürlich, unbedingt regelmäßig, leidenschaftlich, immer auch penetrativ, experimentierfreudig, möglichst unkompliziert, rasiert und natürlich orgasmisch. Wenn die eigenen Vorstellungen davon abweichen, entsteht schnell der Eindruck, etwas stimme nicht.

Dabei ist die sexuelle Vielfalt groß. Begehren verändert sich, lässt sich nicht erzwingen und zwei Menschen, die sich lieben, müssen keineswegs dasselbe wollen oder zur selben Zeit Lust haben. Unterschiede in Fantasien, Vorlieben und Bedürfnissen können Beziehungen herausfordern. Aus wiederholter Enttäuschung kann Rückzug entstehen, aus Unsicherheit eine Vorsicht, überhaupt noch sexuell aufeinander zuzugehen. Dann lohnt es sich oft, genauer hinzusehen, bevor aus Verschiedenheit vorschnell ein Defizit wird.

Sprache schafft Orientierung

Ein zentraler Teil sexologischer Arbeit besteht für mich deshalb darin, Sprache zu entwickeln und Wahrnehmung zu differenzieren.

Wir sprechen schnell von „Lust“, obwohl körperliche Erregung, Begehren, sinnlicher Genuss und die Motivation, tatsächlich sexuell zu werden, nicht dasselbe sind. Wir sprechen von Näheproblemen, obwohl eigentlich erotische Spannung fehlt. Eine Fantasie kann beunruhigen, weil sie mit einem Handlungswunsch verwechselt wird. Und manchmal entsteht Verunsicherung schlicht deshalb, weil Wissen darüber fehlt, wie unterschiedlich sexuelle Reaktionen verlaufen können.

Begriffe lösen nicht automatisch ein Problem, aber sie können eine Erfahrung sortierbar machen. Was vorher diffus oder beschämend war, bekommt Konturen. Es lässt sich besprechen, einordnen und neu betrachten. Dadurch entstehen oft mehr Wahlmöglichkeiten.

In diesem Sinn verstehe ich meine Praxis auch als einen Ort sexueller und erotischer Bildung für Erwachsene. Durchaus ein wenig als nachgeholten Aufklärungsunterricht, aber vor allem als Möglichkeit, sich dem eigenen sinnlich-erotisch-sexuellen Leben im Hier und Jetzt zuzuwenden.

Nicht alles, was uns verunsichert, muss behandelt werden – im Gegenteil

Medizin und Psychotherapie sind für sexuelle Gesundheit unverzichtbar. Körperliche Beschwerden, Schmerzen, Erkrankungen, hormonelle Veränderungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten brauchen gegebenenfalls medizinische Abklärung. Psychische Erkrankungen, Traumafolgen oder erheblicher Leidensdruck können psychotherapeutische Behandlung erfordern.

Viele sexuelle und partnerschaftliche Anliegen haben jedoch einen anderen Charakter. Ein verändertes Begehren ist nicht automatisch Ausdruck einer Dysfunktion, unterschiedliche Wünsche bedeuten nicht zwangsläufig, dass eine Beziehung gestört ist, und Unsicherheit über die eigene Sexualität ist nicht immer ein Symptom. Häufig geht es vielmehr um Orientierung, Wissen, Reflexion und darum, eine eigene Position zu entwickeln.

Menschen möchten verstehen, was gerade geschieht, ihre sexuelle Biografie betrachten, über eine Fantasie sprechen, eine Beziehungsentscheidung durchdenken oder herausfinden, weshalb bestimmte sexuelle Situationen anziehend wirken und andere nicht. Genau für solche Prozesse fehlt oft ein selbstverständlicher professioneller Rahmen.

Eine ärztliche Praxis hat einen medizinischen Auftrag und bietet im Alltag nicht immer den Raum für ausführliche Gespräche über Begehren, erotische Bedeutungen oder Beziehungsdynamiken. Eine psychotherapeutische Praxis arbeitet dort, wo Behandlung stattfindet, mit einem psychotherapeutischen Auftrag und diagnostischen Kategorien. Die sexologische Praxis setzt einen anderen Schwerpunkt: Sexualität, Erotik und Beziehungen sind hier keine Nebenfragen. Sie sind der Gegenstand.

Dabei muss das Ziel nicht schon zu Beginn feststehen. Bei geringem Begehren lautet die Frage zum Beispiel nicht automatisch: Wie bekommen wir die Lust zurück? Zunächst kann wichtiger sein: Was bedeutet dieses geringe Begehren eigentlich? Woran fehlt es? Was wird gewünscht, was gerade nicht? Welche Sexualität wäre überhaupt attraktiv? Der Ausgangspunkt ist damit weniger eine normative Vorstellung davon, was wieder funktionieren sollte, sondern das eigene Erleben und Wollen.

Verstehen, erkunden und gestalten

Meine Form der Sexualberatung verstehe ich als sexologische Praxis, in der Beratung, sexuelle Bildung und Prozessbegleitung zusammenkommen.

Manchmal bin ich sehr konkret beratend, vermittle Wissen über Anatomie, sexuelle Reaktionen oder Begehren, stelle Modelle vor oder helfe dabei, ein festgefahrenes Problem anders zu betrachten. An anderer Stelle geht es stärker um gemeinsames Erkunden: Was macht mich erotisch lebendig? Welche Bedeutung hat Sexualität für mich? Was möchte ich teilen und was gehört nur mir? Was brauche ich, um mich einlassen zu können? Wie möchte ich Beziehung leben?

Und weil Sexualität nicht nur gedacht, sondern körperlich und sinnlich erfahren wird, kann es sinnvoll sein, das Gespräch durch Wahrnehmungsübungen, körperorientierte Impulse, kreative Methoden oder kleine Experimente für zu Hause zu ergänzen. Ich arbeite dabei unter anderem mit Sexocorporel, Embodiment, systemischen und lösungsorientierten Ansätzen sowie mit kreativen Verfahren aus meinem kunstpädagogischen Hintergrund. Entscheidend ist jedoch nicht die Methode, sondern ob sie für diesen Menschen, dieses Paar und diese konkrete Frage hilfreich ist.

Das Ergebnis eines solchen Prozesses steht nicht von vornherein fest. Sexologische Beratung muss nicht zu mehr Sex führen. Sie kann zu mehr Lust führen, zu einer anderen Form gemeinsamer Sexualität, zu klareren Grenzen oder zu einem neuen Verständnis einer Fantasie. Sie kann ebenso sichtbar machen, dass Zärtlichkeit gerade wichtiger ist als Sexualität oder dass eine Beziehung neue Vereinbarungen braucht. Sexologische Arbeit soll Menschen nicht einem Ideal näherbringen, sondern sie darin unterstützen, informierter, differenzierter und freier mit ihrer eigenen Erotik und Sexualität umzugehen.

Neue Freiheiten und Möglichkeiten

Wir leben heute mit deutlich mehr Möglichkeiten, Sexualität und Beziehungen zu gestalten als frühere Generationen. Das ist eine große Freiheit, aber nicht immer eine einfache. Vieles, wofür es früher scheinbar klare kulturelle Regeln gab, muss heute selbst entschieden und ausgehandelt werden: Was bedeutet Treue? Welche Rolle soll Sexualität in einer Beziehung spielen? Wie exklusiv möchte sie innerhalb einer Partnerschaft sein? Wie gehen wir mit unterschiedlichen Bedürfnissen um? Muss jede Fantasie geteilt werden? Wie viel Eigenständigkeit verträgt Nähe? Was möchte ich noch entdecken und was ganz bewusst nicht?

Mehr Möglichkeiten bedeuten nicht automatisch mehr Klarheit. Umso wichtiger finde ich einen professionellen Ort, an dem solche Fragen wertfrei gestellt werden können. Einen Ort, an dem auch das Schöne und Interessante Platz hat: Genuss, Anziehung, Fantasie, Verführung, Spiel, die eigene erotische Welt und die Frage, was Sexualität zu einer wirklich guten Erfahrung machen kann.

Eine sexologische Praxis ist deshalb für mich weder eine kleine Arztpraxis für Sex, auch wenn ich ab und an gerne mal besondere Rezepte ausstelle, noch eine Psychotherapie unter anderem Namen. Sie ist ein eigener professioneller Raum für Fragen rund um Sexualität, Erotik, Liebe und Beziehung, für konkrete Probleme ebenso wie für Neugier, für Menschen, die etwas verändern möchten, und für solche, die zunächst verstehen wollen.

Sexualität und Erotik sind nichts Statisches. Sie verändern sich mit uns, mit unserem Körper, unseren Beziehungen und den Erfahrungen, die wir machen. Lebendig bleiben sie nicht dadurch, dass wir einen einmal erreichten Zustand bewahren, sondern indem wir aufmerksam dafür bleiben, was uns berührt, interessiert, anzieht und in Bewegung bringt.

Anaïs Nin schrieb einmal über die Liebe, dass sie nicht eines natürlichen Todes sterbe, sondern weil wir ihre Quellen nicht zu speisen wissen. Für Erotik und Sexualität gilt etwas Ähnliches: Ihre Lebendigkeit ist nichts Selbstverständliches. Sie brauchen Aufmerksamkeit, Zugewandtheit und die Freiheit, sich mit uns zu verändern.

In der sexologischen Praxis kann genau dafür Raum entstehen: sich diesen Quellen bewusst zuzuwenden, sie besser kennenzulernen und herauszufinden, was sie im eigenen Leben nährt.


Zur Autorin

Anne Brandt, M.A. Sexologie
Sexologin und Beziehungsberaterin in Potsdam

In meiner Sexologischen Praxis begleite ich Einzelpersonen und Paare zu Fragen rund um Sexualität, Erotik, Begehren und Beziehung. Meine Arbeit verbindet Sexualberatung, sexuelle Bildung und Prozessbegleitung.

Mehr über meine Arbeitsweise und meinen fachlichen Hintergrund