Was ist eine sexologische Praxis?

Ein Ort für Sexualität, Erotik und Beziehung

Wohin können wir mit unseren Fragen zur Sexualität gehen?

Bei Schmerzen, körperlichen Veränderungen oder medizinischen Fragen suchen wir eine Ärztin oder einen Arzt auf. Wenn psychisches Leiden oder eine psychische Erkrankung im Vordergrund steht, gibt es psychotherapeutische Unterstützung. Doch viele Fragen, die Menschen zu ihrer Sexualität und ihren Beziehungen beschäftigen, liegen weder im einen noch im anderen Bereich.

Der Körper funktioniert doch, aber die Lust ist verschwunden. Eine Beziehung ist liebevoll und vertraut, jedoch hat sich die erotische Spannung verändert. Fantasien tauchen auf, die neugierig machen aber irritieren. Zwei Menschen lieben sich und stellen fest, dass ihre sexuellen Wünsche zunehmend auseinandergehen. Nach einer Trennung, nach vielen Jahren in einer Beziehung oder in einer neuen Lebensphase entsteht der Wunsch, sich noch einmal anders mit der eigenen Sexualität zu beschäftigen. Und manchmal gibt es gar kein akutes Problem, sondern schlicht die Frage: Wer bin ich eigentlich als sexuelles und erotisches Wesen?

Für solche Fragen gibt es erstaunlich wenige selbstverständliche Orte. Die sexologische Praxis ist ein solcher Ort.

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Erotische Fatigue

Wenn alles möglich ist, aber nichts mehr unter die Haut geht

Noch nie wurde so differenziert und zugleich so offen über Sexualität gesprochen. Noch nie war das Repertoire an Begriffen und Methoden so umfangreich, die Haltung so reflektiert, der Anspruch so hoch. Noch nie stand uns ein so reichhaltiges Vokabular für Lust, Konsens und Körperlichkeit zur Verfügung.

Wir haben uns von den schamhaften Flüstertönen der Vergangenheit zu einer aufgeklärten Gesellschaft entwickelt, die ein buntes, vielfältiges, neonleuchtendes Vokabular der Sexualität – oder besser: der Sexualitäten – geschaffen hat. In Podcasts, Instagram-Reels und auf Panels wird gesprochen, analysiert, diskutiert. Und die Namen vieler Workshops in diesem Bereich klingen wie Cocktails in einer hippen Bar: Feuer der Lust – das Extase-Retreat, Kinky-Kuss-Workshop, Wheel-of-Konsent-Training, Yoni-Watching, Conscious-Tempelnight.

Ja, diese Entwicklung ist ein Geschenk. Sie befreit uns vom Schweigen und vom Tabu. Sie öffnet Räume, in denen Menschen sich ausdrücken, ihre Grenzen benennen und ihre Sehnsüchte teilen können. Ich erlebe in meiner Praxis immer wieder, wie transformierend es sein kann, endlich Worte zu finden für etwas, das lange nur als diffuses Gefühl existierte. Sprache schafft Bewusstsein und aus Bewusstsein entsteht Klarheit. Doch Sprache und die damit einhergehende Deutlichkeit können dem Sex auch seine Magie nehmen. Das Mysterium, das ihm innewohnt, kann durch zu viele Worte, zu viel Bewusstsein überlagert werden.

So spüre ich in meiner Arbeit mit Paaren und Einzelnen eine leise Verschiebung. Neben der neu gewonnenen Freiheit taucht eine andere Erfahrung auf: eine Form von Müdigkeit, die sich schwer greifen lässt. Menschen sagen: „Wir machen doch alles richtig, und doch fühlt es sich nicht wirklich lebendig an.“ Oder: „Ich weiß so viel über Sexualität – und doch spüre ich so wenig.“

Diese Erfahrungen beschreiben, was ich Erotische Fatigue nenne: eine Erschöpfung, die nicht aus Mangel entsteht, sondern aus Überfülle.

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